Die wissenschaftlichen Hintergründe für 350


[UPDATE: Für zusätzliche Informationen bitte Bill McKibbens Blog-Beitrag „The Science of 350, the Most Important Number on the Planet“ (auf Englisch) lesen.]

350 ppm (Teilchen pro Million) ist laut vieler Wissenschaftler, Klimaexperten und fortschrittlicher Regierungen die noch sichere Obergrenze von CO2 in unserer Atmosphäre.

Eine beschleunigte Erwärmung der Arktis und andere frühe Auswirkungen des Klimawandels haben Wissenschaftler zu der Schlussfolgerung gebracht, dass wir uns, mit zurzeit 390 ppm, bereits über der noch sicheren Obergrenze befinden und dass wir; wenn wir nicht schnell auf einen Wert unter 350 ppm zurückkehren, riskieren, Zustände zu erreichen, in denen die Folgen unumkehrbar sind, wie z.B. das Schmelzen der Grönlandeisdecke und größere Methanausstöße durch ein verstärktes Schmelzen des Permafrosts.

Im Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung solltest Du drei Zahlen kennen, damit Du die heutigen Vorgänge besser einschätzen kannst: 275, 385 und 350.

Während der gesamten Menschengeschichte bis vor ungefähr 200 Jahren betrug die globale CO2-Konzentration im Durchschnitt 275 ppm. Die Einheit “ppm” – parts per million – heißt übersetzt “Teilchen pro Million”. Diese Einheit misst die Konzentration verschiedener Gase, und zeigt das Verhältnis der Anzahl von CO2-Molekülen pro 1 Million anderer Gasmoleküle in der Atmosphäre an. Eine Konzentration von ca. 275 ppm CO2 ist notwendig, denn ohne CO2 und andere Treibhausgase, welche Wärmestrahlung zum Teil zur Erdoberfläche zurückstrahlen, wäre es so kalt, dass Leben auf unserem Planeten nicht möglich wäre.

Wir benötigen also eine bestimmte Konzentration CO2 in der Atmosphäre; aber die Frage ist, wie viel?

Seit Anfang des 18. Jahrhundert haben wir Menschen Kohle, Erdgas, und Erdöl verbrannt, um Energie zu erzeugen und Massenware zu produzieren. Seitdem stieg die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre kontinuierlich an – erst langsam, dann immer schneller. Viele unserer alltäglichen Tätigkeiten, wie z.B. das Einschalten von Licht, Kochen oder Heizen sind von Energiequellen wie Kohle und Öl abhängig, die CO2 und andere Treibhausgase in die Atmosphäre freisetzen. Dabei verbrennen wir Kohlenstoff, der seit Millionen von Jahren unter der Erde gespeichert wurde und emittieren ihn in die Erdatmosphäre. Inzwischen – und das ist die zweite wichtige Zahl – ist die Konzentration von CO2 in unserer Atmosphäre auf 387 ppm CO2 gestiegen, und diese Zahl nimmt jährlich um etwa 2 ppm zu.

Die Wissenschaftler erkennen jetzt, dass das zu viel ist – so eine hohe CO2-Konzentration ist seit Beginn der Geschichtsschreibung noch nie vorgekommen – und wir sehen schon jetzt verheerende Auswirkungen auf Menschen und Regionen der ganzen Welt. Überall schmelzen Gletscher mit erschreckender Geschwindigkeit; Gletscher, deren Schmelzwasser hunderten von Millionen Menschen Trinkwasser bietet. Stechmücken, die ein wärmers Klima bevorzugen, breiten sich in viele neue Orte aus und bringen Krankheiten wie Malaria und das Dengue-Fieber mit sich. Auch Dürren werden immer häufiger, wodurch an vielen Orten der Anbau von Nahrungsmitteln stark erschwert wird. Der Meeresspiegel steigt und Wissenschaftler warnen, dass er noch in diesem Jahrhundert mehrere Meter ansteigen könnte. Sollte dies geschehen, würden weltweit viele Städte, Inselnationen und auch Ackerland im Wasser versinken. Die Ozeane werden nicht nur wärmer, sondern versauern langsam, da sie eine der Hauptspeicher für CO2 sind. Dadurch bleichen in vielen Teilen der Weltmeere zahlreiche Korallenriffe aus und sterben ab – und mit ihnen eine große Anzahl anderer Tierarten. Tiere wie Korallen und Muscheln können dadurch ihre Skelette oder Muschelschalen verlieren. Bei einer atmosphärischen CO2-Konzentration von 450-500 ppm könnten Korallenriffe beginnen sich aufzulösen. Das Zusammenspiel all dieser Auswirkungen verschlimmern Konflikte und Sicherheitsprobleme in bereits ressourcenarmen Regionen.

Die Arktis zeigt uns wahrscheinlich am deutlichsten, dass die Auswirkungen des globalen Klimawandels sehr viel schneller voranschreiten, als Wissenschaftler bisher angenommen hatten. Im Sommer 2007 war die Ausdehnung des arktischen Meer-Eises ungefähr 39 % niedriger als der Sommer-Durchschnitt von 1979 – 2000. Dieser Rückgang entspricht der 5-fachen Größe des Vereinten Königreiches.


Aufgrund der immer schnelleren Auswirkungen des globalen Klimawandels haben nun einige der führenden Klimawissenschaftler der Welt die Höchstgrenze der sicheren CO2-Konzentration auf 350 ppm revidiert. Das ist die letzte und wichtigste Zahl, die Du kennen solltest. Sie steht für die Sicherheitszone unseres Planeten Erde. Wie James Hansen von der America's National Aeronautics and Space Administration, der erste Wissenschaftler, der uns vor über zwei Jahrzehnten auf die globale Erwärmung aufmerksam machte, kürzlich schrieb:

"Wenn die Menschheit einen Planeten erhalten möchte, der dem ähnlich ist, auf dem sich unsere Zivilisation entwickelt hat und an den das gesamte Leben unseres Planeten optimal angepasst ist, dann wird, hinsichtlich der paläoklimatologischen Daten und der heute schon eintretenden klimatischen Veränderungen, der CO2-Gehalt der Atmosphäre von den aktuellen 385 auf 350 ppm verringert werden müssen."

Diese Aufgabe wird schwer sein, aber nicht unmöglich. Wir müssen aufhören, den Kohlenstoff der Erde zu entnehmen und ihn in die Atmosphäre freizusetzen. Doch vor allem bedeutet es, dass wir damit aufhören müssen, so viel Kohle zu verbrennen und endlich anfangen müssen, stattdessen Sonnen- und Windenergie sowie weitere Quellen erneuerbarer Energie zu nutzen. Gleichzeitig müssen wir dabei dem globalen Süden eine faire Chance geben, sich weiter zu entwickeln. Wenn wir dies tun, dann wird die Erde langsam den überschüssigen Kohlenstoff teilweise über Böden, Pflanzen, und Ozeane absorbieren und wir werden schließlich zu der sicheren Grenze zurückkehren. Wenn wir die Verwendung von fossilen Kraft- und Brennstoffen einschränken und die Land- und Forstwirtschaft weltweit verbessern, dann – so die Wissenschaftler – könnten wir bis zur Mitte dieses Jahrhunderts 350 ppm erreichen. Doch je länger wir uns in der Gefahrenzone, also jenseits der 350 ppm, aufhalten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit verheerender und irreversibler Auswirkungen auf das Klima.

Mit Deiner Hilfe können wir diese wichtige Information an unsere Mitbürger und Mitbürgerinnen weiterleiten, an Gemeinden, Nationen, und an die gesamte Welt. Falls Du Dich mehr über Klimawissenschaft, Klimapolitik, und Lösungsmöglichkeiten informieren willst, dann gehe bitte zu den unten aufgelisteten Internetseiten.

Quellenangaben :

Hansen, James, et al. Target Atmospheric CO2: Where Should Humanity Aim? Submitted April 7, 2008. Eine wissenschaftliche Arbeit des NASA-Klimaforschers James Hansen über das 350 ppm-Ziel.

Hansen, James, et al. Target Atmospheric CO2: Supporting Material. Submitted April 7, 2008.

The IPCC 4th Assessment Report – Link zum jüngsten Bericht des mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Weltklimarates (IPCC), mit der Unterstützung von weltweit führenden Klimatologen.

Baer, Paul, Tom Athanasiou and Sivan Kartha. "The Right to Develop in a Climate Constrained World: The Greenhouse Development Rights Framework" - Ein wichtiger Bericht über klimapolitische Maßnahmen, die es ermöglichen, den Klimawandel zu bekämpfen und gleichzeitig eine gerechte Weiter-Entwicklung des globalen Südens zu ermöglichen.

The United Nations Framework Convention on Climate Change – Link zur offiziellen Website der Klima-Rahmenkonvention (UNFCCC) mit Informationen  über den Prozess der UN-Klimapolitik.

NASA – Wissenschaftliche Berichte, interaktive Landkarten, Informationen für Kinder und vieles mehr

RealClimate.org - Ein Blog über Klimawissenschaft von Klimawissenschaftlern

Climate Safety - Ein sehr nützlicher neuer Report über die aktuelle Klimawissenschaft, Klimapolitik, und Lösungsansätze.

Pew Center on Climate Change - Hilfreiche Informationen über Klimawissenschaft und internationale Klimapolitik.